Christian Gottschalk: Brokkoli und Helene Fischer

Neulich kursierte auf Facebook eine Linkliste, mit der ich überprüfen konnte, wer von meinen Facebookfreunden bestimmte Seiten geliked hat. Diese Information sollte mich in die Lage versetzen, Menschen die elektrische Freundschaft zu kündigen, wenn sie die falschen Sachen gut finden. Auf der Liste standen die AfD , Pegida, die NPD, die Böhsen Onkels, Freiwild, Nickelback und Helene Fischer. Ich reagierte sofort und likte erstmal Helene Fischer. Denn wer mich von seiner Freundesliste löscht, nur weil ich Helene Fischer mag, der ist ein Nazi. Weiterlesen „Christian Gottschalk: Brokkoli und Helene Fischer“

Hank Zerbolesch: Blackout

(Aus: „Rausch-Hour„)

Ein Klopfen. Rhythmisches Klackern. Ich öffne die Augen. Ein Hotelzimmer. Wie komme ich hier her? Das Letzte, an das ich mich erinnere, ist mein Plasma. Fifa 2012. Chris, ein paar Ecstasys und kaltes Bier. Dann wahllos zusammengewürfelte Bild- und Filmfetzen. Cut-Up Leben. Ich blicke zum Tisch  …
Ein riesiger Haufen Hunderter und Fünfziger. Ich stehe auf und knie mich vor das auf Vintage gebeizte Stück Holz. Scheiße, denke ich freudig in die Hände klatschend. Wo kommt ihr denn her? Als plötzlich das Telefon klingelt.

„Mister Capone, Sir?“
Im Rausch neige ich zu Größenwahn. „Yes?“
„Somebody is asking for you.”
“Oh. Okay? Who is it?”

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Mareike Barmeyer: Dickens ist schuld

(Aus: „Ü30 – Erwachsen werden wir später„)

„Ob ich mich in diesem Buch zum Helden meiner eigenen Leidensgeschichte entwickeln werde oder ob jemand anderes diese Stelle ausfüllen soll, wird sich zeigen.“ Das ist der erste Satz aus David Copperfield, einem Roman von Charles Dickens aus dem Jahre 1850. Sie macht das gerade geöffnete Buch wieder zu. Sechzehn Mal hat sie es schon gelesen. Sechzehn Mal hat sie es verschlungen. Jedes Mal, wenn etwas in ihrem Leben schief geht, liest sie dieses Buch. Es ist ihre Kuscheldecke, es gibt Sicherheit. Im Gegensatz zu ihrer eigenen Geschichte weiß sie in jedem Moment dieser Geschichte, wie es weitergeht. Ein gutes Gefühl. Sie weiß, wie die Geschichte endet. David Copperfield ist zum Helden ihrer Leidensgeschichte geworden.

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Lucas Fassnacht: Tausendfüßler

In einem kleinen Walde,
in einem kleinen Hain,
auf einer kleinen Halde,
da saß ganz allein
ein Tausendfüßler-Junge
und kratzte sich das Bein
vierhundertzweiundzwanzig.

Das Bein, das juckte ganz bizarr.
Das Bein, das ließ ihm keine Ruh,
das Bein, das zuckte geradezu,
warum es juckte, war ganz klar:
weil es voll roter Pusteln war.

Der Junge hatte das geübt,
was er am allermeisten liebt:
Und zwar liebt er das Tanzen.
Doch war die Übung sehr verkürzt,
er war in einen Strauch gestürzt
von blöden Nesselpflanzen.

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René Sydow: Was ist das Leben

(Aus: „Deutsche Wortarbeit„)

Möchtest du ein A kaufen?
Nein, wer A kauft, muss auch B kaufen und vielleicht war A schon Ramsch. Ich brauche schon ein ganzes Alphabett, in dem ich wachen kann und an deinem Brustkorb mein absolutes Gehör weiterhin darin schule, die Zwischentöne deiner Herzschläge zu einer Sündfonie zusammenzusetzen.
Was ist das Leben? Was ist Literatur?
Denk nach, nach dir wird es keiner mehr so denken. Such einen sinnvollen Satz, aber ist nicht der Sinn voll mit gedankenlosen Sätzen, also Gedanken, los! Los! Da steppt die Decke! Das versteht die Kuh im Muh und die grast auf einer schönen Augen-Weide
Bin ich gegen Kultur? Nein, ich bin Gegenkultur! Ich bin übrigens auch gegen ständliche Mal

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Robert Rescue: Down and out

(Aus: „Eimerduschen„)

Ich sitze morgens in der S-Bahn. Mir gegenüber sitzt eine Frau. Sie trägt ein T-Shirt mit dem Aufdruck „Face to Face“. Ich habe auf den Aufdruck geschaut, weil ich wissen wollte, was draufsteht. Es ist immer nett, wenn Frauen was tragen, wo was draufsteht, weil: Dann kann man drauf schauen, um zu erfahren, was draufsteht. Das ist ein ganz normaler Akt menschlicher Neugier, dass man wissen möchte, was die Leute einem möglicherweise sagen wollen. Was will sie mir damit sagen? Sucht sie die frontale Kommunikation? Ist das eine Aufforderung an mich? Oje, so früh am Morgen kommunizieren. Ich fürchte, da muss ich passen.

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Clint Lukas: Und weil der Mensch ein Mensch ist

(Aus “FÜR DIE LIEBE, FÜR DIE KUNST“)

Sie hatte nur einen Slip an und dieses weiße Unterhemd und zitterte ganz erbärmlich, während sie einen Schuhkarton in kleine Stücke riss und in den Ofen steckte. Ich sah ihr vom Bett aus zu, schaute auf diesen Arsch und die Beine. Sie rupfte fluchend an dem Ding rum und legte es dann beiseite, um sich erstmal die Haare zusammenzubinden. Dabei bemerkte sie, dass ich ihr zusah. Sie lächelte und auf ihrem Nacken war dieser Flaum von winzigen, weißen Härchen. Ja, sah so aus, als wär ich verliebt.
„Hör mal“, sagte ich. „Ich halt’s echt nicht mehr aus. Muss das jetzt sein, dass du hier morgens sogar den Ofen anmachst?“
„Was ist los?“, fragte sie und lachte ein bisschen, aber in ihren Augen flackerte es.
„Ich komm mir vor, als wär’ ich verheiratet.“

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Lea Streisand: Unsichtbare Filmstars

(Aus „Berlin ist ein Dorfkneipe“)

Ein Filmteam stand heute Nachmittag auf dem Mauerweg in Pankow. „Können sie bitte da an der Seite lang fahren?“ zwitscherte die junge Assistentin, die bestimmt nur dafür da war, pissige Radfahrer aus dem Weg zu räumen. Auf der Grünfläche daneben saßen zwei Menschen unter einem Sonnenschirm am Frühstückstisch und drum herum standen etwa 20 andere Menschen mit so Puschelmikrophonen und Kameras und Abblendscheiben und im Hintergrund rauschte die S-Bahn vorbei. „Manchmal geht mir dieses junge kreative Berlin so was von auf die Eier“, sage ich abends zu meinem Kollegen Ivo, „deshalb bin ich ja damals aus Prenzlauer Berg weg, weil ich nich mehr bei jedem Milchkaufen in irgendwelche Dreharbeiten reinrennen wollte.“ Ivo nickt und saugt einen Mund voll Bier aus der Flasche. Weiterlesen „Lea Streisand: Unsichtbare Filmstars“