Hank Zerbolesch: Blackout

(Aus: „Rausch-Hour„)

Ein Klopfen. Rhythmisches Klackern. Ich öffne die Augen. Ein Hotelzimmer. Wie komme ich hier her? Das Letzte, an das ich mich erinnere, ist mein Plasma. Fifa 2012. Chris, ein paar Ecstasys und kaltes Bier. Dann wahllos zusammengewürfelte Bild- und Filmfetzen. Cut-Up Leben. Ich blicke zum Tisch  …
Ein riesiger Haufen Hunderter und Fünfziger. Ich stehe auf und knie mich vor das auf Vintage gebeizte Stück Holz. Scheiße, denke ich freudig in die Hände klatschend. Wo kommt ihr denn her? Als plötzlich das Telefon klingelt.

„Mister Capone, Sir?“
Im Rausch neige ich zu Größenwahn. „Yes?“
„Somebody is asking for you.”
“Oh. Okay? Who is it?”


“I’m sorry Mister Capone. They didn’t say their names.”
“How do they look like?”, frage ich.
“Angry. I think.”
Ich höre ein Ruckeln. Dann einen dumpfen Schlag.

“Hör gut zu”, raunt jemand in hollywoodreifem Ostblock-Dialekt in den Hörer. „Du gibst mir jetzt ganz schnell mein Geld und meinen Stoff zurück. Und ich werde dir nichts tun.“ Gegen diese Androhung von Nettigkeiten klingt selbst eine Kriegserklärung von Mahmud Ahmadinedschad wie eine Dankesrede von Bono vor dem Nobelpreiskomitee.

„Okay okay“, sage ich.
„In welchem Zimmer bist du.“
„Im … Moment. Ich muss nachsehen … Ah hier. Im Arsch deiner Mutter“, sage ich und lege auf.

Ich springe in meine Jeans. Streife mir ein T-Shirt über und stopfe mir die Scheine in die Taschen, bis kein Platz mehr ist. Den Rest nehme ich einfach in die Hand, als unter all dem Papier plötzlich ein riesiger Berg weißes Pulver das Licht der IKEA-Billig-Deckenleuchte erblickt. Ein monumentales Gebirge aus – ich rolle einen Schein, tauche ihn in die höchste Stelle und atmete tief ein. Meine linke Gesichtshälfte wird schlagartig taub – Kokain. Ein riesiges Gebirge aus scheiß Kokain! Ich bin sichtlich zwischen Tisch und Tür hin- und hergerissen.

Unbestimmte Zeit später schnappe ich mir eine Handvoll kolumbianisches Marschpulver. Stopfe es zu den Scheinen in meine Tasche. Klatsche abschließend freudig in die Hände und atme tief ein. Ich renne zur Tür. Öffne sie. Biege nach rechts und *RUMS!* Haut es mich von den Füßen.

Während ich mir den hellbraunen Standardhotelteppich aus der Nähe begutachte, verteilt sich die Kohle aus meinen Händen quer durch den Flur.

„Aaah. Mister Capone nehme ich an.“

Scheiße. War wohl doch keine Wand, denke ich und blicke auf. Da steht ein Kerl … Ach was sage ich, Kerl. Da steht eine humanoide Gebirgskette! Sofort denke ich daran, dass so was aus keiner menschlichen Zeugung stammen kann. Was bedeutet, dass dieses … Ding … entweder eine außerirdische Lebensform oder irgendwas gentechnisch Verändertes sein muss. So wie Spiderman. Nur mit Gestein.
Gleich neben diesem personifizierten K2 steht … ein beschissener Zwerg! Ich rapple mich wieder auf.

„Wer seid ihr zwei?“, frage ich. „Schwarzenegger und DeVito? Hulk Hogan und der WheelMan?“

Der Riese nickt dem Zwerg zu. Der schüttelt einen Totschläger aus seinem Handgelenk und rammt mir das Ding mit Anlauf in den Schritt. Scheiße, denke ich und schreie auf, als ich mich unfreiwillig auf dem Teppichboden zusammenrolle. So eine ausgefahrene Stahlkugel zwischen den Nüssen hat ungefähr dieselbe Schmerzintensität, als würdest du mit deinen blank rasierten Eiern über einen mit Rasierklingen versetzten Stacheldraht rutschen.
Und dann knallt es gehörig in meinem Schädel! Es fühlt sich an, als würden viele kleine Bläschen platzen und etwas freisetzen, das sich um mein Schmerzgefühl legt und es ganz tief wegschließt.

„Wo ist mein Zeug!“, brüllt der Riese.

Ich stehe auf. Klopfe mich ab. „Da drin. Wenn deine Mama noch was übrig gelassen hat.“

Er holt aus. Ich sehe eine Hand auf mich zurasen, die, obwohl geschlossen, noch immer die Größe einer Tefal-Pfanne mit Deckel hat. Er trifft voll ins Schwarze und ich … spüre rein gar nichts.
Er sieht mich erstaunt an und wiederholt den Vorgang. Wieder ein Knall, wieder spüre ich nichts. Ich stoße einen Jubelschrei aus.

„Der hat wohl von deiner P1NZ5 genascht, Chef“, sagt der Zwerg.
„Jahaha. Das hat er wohl, Ratko Mladić. Da guckste wa? Blöder Wichser“, sage ich, während ich ihm den erhobenen Mittelfinger entgegenstrecke.
Als ich den wieder runter ziehe, blicke ich direkt in den Lauf einer Walter P8. Scheiße, denke ich und hebe die Arme in der Annahme, dass, so schmerzfrei dieses P1-was-auch-immer macht, es wohl nicht kugelsicher machen dürfte.

„Was ist dieses P1-Dings eigentlich?“, frage ich, um ein bisschen Zeit zu schinden.
„P1NZ5“, korrigiert der Russe. „Ist wie Panzerschokolade. Nur eben perfekt. Keine Müdigkeit! Keine Schmerzempfindlichkeit! Wir erschaffen den perfekten Arbeiter! Und das Produkt verkaufen wir dann an die Chinesen.“
„Wer bist du? Scheiß Goldfinger?“, frage ich.
„Pha!“, winkt er ab. „Goldfinger ist wie Siddhartha gegen mich.“
„Goldfinger war ne fiktive Figur du Klappspaten. Die Hände hoch.“

Der Russe hebt die Arme. Hinter ihm schiebt sich Chris Gesicht an seinem vorbei.

„Hi.“ Chris grinst mich mit einem Brötchen im Mund an. Mit der freien Hand nimmt er dem Russen die Knarre ab. Drückt sie ihm an die Schläfe und wirft mir mit der anderen eine Banane zu. Der Russe sieht verärgert auf das noch grüne Stück Obst.
„Wo sind die Mädels hin?“, fragt Chris.
„Wer?“, frage ich und werfe dem Zwerg affektiert die Banane in die Arme. „Was ist hier überhaupt los?“
„Was soll das heißen, was ist hier los?“, fragt Chris.
„Na hier: Olympische-UDSSR-Testosteron-Überbleibsel und Zwerge im Hotelflur, Knarren, ominöses P1-was-auch-immer … Was zur Hölle ist hier los?“
„Du hast echt keine Ahnung mehr, was die letzten Tage gelaufen ist?“, fragt Chris.
„Nein man. Aber irgendwas sagt mir, dass ich besser zu Hause geblieben wäre.“
„Erzähl ich dir gleich in Ruhe. Aber vorher; lass mal den Müll raus bringen“, sagt Chris, spannt den Hahn und …

Drückt ab.

(Aus: „Rausch-Hour„)

 

Hank Zerbolesch

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