Lucas Fassnacht: Tausendfüßler

In einem kleinen Walde,
in einem kleinen Hain,
auf einer kleinen Halde,
da saß ganz allein
ein Tausendfüßler-Junge
und kratzte sich das Bein
vierhundertzweiundzwanzig.

Das Bein, das juckte ganz bizarr.
Das Bein, das ließ ihm keine Ruh,
das Bein, das zuckte geradezu,
warum es juckte, war ganz klar:
weil es voll roter Pusteln war.

Der Junge hatte das geübt,
was er am allermeisten liebt:
Und zwar liebt er das Tanzen.
Doch war die Übung sehr verkürzt,
er war in einen Strauch gestürzt
von blöden Nesselpflanzen.

Jetzt saß er da und kratzte sich,
und dachte sich: Wie jämmerlich,
was machte ich, wie konnt‘ ich nur,
es widerspricht meiner Natur,
zu tanzen, ach, wie fürchterlich,
ich hab wohl den Verstand verlorn.
Ich bin zum Tanzen nicht geborn.

Erschöpft fing er zu schluchzen an.
Das Klagen hörte eine Schnecke
in einer nahen Himbeerhecke.
Sogleich kroch sie zu ihm heran,
und fragte, was ihn traurig mache,
wo doch die Sonne so schön lache.

Da klagte er ihr all sein Leid,
die Schnecke ließ ihm reichlich Zeit,
sie wiegte milde die Antennen,
dann sagte sie: Hör auf zu flennen!
Hast du nicht tausend Beine?
Schau mich an, ich hab keine.

O weh!, rief da der Junge bitter,
was hilft’s, wenn ich ins Unglück schlitter,
zu sehn, dass andre mehr beklagen?
Wie hilft mir das, mein Leid zu tragen?

Ganz ungerührt sprach da die Schnecke:
Ich glaube, du verstehst nicht recht –
mir geht es nämlich gar nicht schlecht.
Ich leb in meiner Himbeerhecke,
die Sonne wärmt mir meine Haut,
und Sonntags gibt es Sauerkraut.

Entsetzt rief da der Junge aus:
Was nützt dir denn ein voller Wanst,
wenn du noch nicht mal tanzen kannst?
Dein Leben wäre mir ein Graus!

Die Schnecke sah den Jungen an,
und sagte dann: Ach, junger Mann,
das Tanzen liegt mir nicht im Blut,
das Üben bräuchte sehr viel Fleiß,
– ich glaube, du verstehst das gut –,
was hab ich von dem ganzen Schweiß,
da ich ja doch noch nicht mal weiß,
ob in mir denn ein Tänzer ruht.

Der Tausendfüßler vorwurfsvoll
versetzte voller dunklem Groll,
sich mit dem Schicksal abzugeben,
bedeute Feigheit vor dem Leben.

Da lachte bloß die alte Schnecke
und kroch zurück in ihre Hecke.

 

Lucas Fassnacht

Lucas Fassnacht
Lucas Fassnacht

 

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